Dankesrede anlässlich der Verleihung des Ehrenrings

Dankesrede anlässlich der Verleihung des Ehrenrings

Donnerstag, den 19. Mai 2016 um 20:00

Carsten Gerhardt, dem Gründer der WUPPERTALBEWEGUNG e.V., ist heute, Donnerstag, den 19. Mai 2016, im Ratssaal des Wuppertaler Rathauses von Oberbürgermeister Andreas Mucke für seine Verdienste um die Nordbahntrasse der Ehrenring der Stadt Wuppertal verliehen worden. Seine Dankesrede im Wortlaut:

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Mucke, sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde, meine lieben Eltern und meine liebe Tochter, ich freue mich hier zu sein. Und danke Ihnen, dass Sie hier sind!

Es war ja nicht ganz einfach, die Trasse zu bauen. Da gab es viel Gesprächs- und Beratungsbedarf. Es gab viele Diskussionen, nicht zuletzt um diesen Ring – aber darum soll es heute nicht gehen…

Die Gelegenheit, so viele engagierte Menschen an einem Ort zusammen zu haben, die Sie mir in den nächsten Minuten das wichtigste und wertvollste schenken, was Sie haben – Ihre Zeit – ehrt mich sehr. Ich möchte diese Zeit daher nutzen, nicht nur um den Honoratioren und allen Mitstreitern danke zu sagen, sondern auch um mit Ihnen allen zu teilen, was mich an dem Vorhaben Nordbahntrasse seit Jahren fasziniert.

Bitte lassen Sie mich damit beginnen, um später mit dem Dank enden zu können.

Warum ist die Trasse für mich etwas Besonderes?

Sie ist in einem Umfeld entstanden, das mehrheitlich an ihre Realisierbarkeit nicht geglaubt hat. Wuppertal war 2006 eine Kommune im Nothaushalt, konnte/ durfte nicht einmal die drei Millionen Eigenmittel aufbringen. Gemessen an den Dimensionen, in denen eine Großstadt denkt, ein kleiner Betrag – für uns als Bürgerinitiative ein großer Betrag – mit Unterstützung der zahlreichen Unternehmenssponsoren, vieler Kleinspender und der Jackstädt-Stiftung kamen diese drei Millionen dann dennoch ganz schnell Anfang 2007 zusammen.

Viele haben auch da noch zweifelnd den Kopf geschüttelt, aber es hat geklappt.

Und das bringt mich zu einem größeren Thema, dem Potential, dem was alles möglich ist, wenn wir nur gemeinsam wollen.

Zugegeben, manchmal fällt es schwer, zu sehen, was alles möglich ist. Die Nachrichten sind voll von großen Herausforderungen, Katastrophen, Krisen. Sie berichten vom Elend und Leid überall auf der Welt, in Afrika wie vor unserer Haustür, dem Schlechten, dem Gegeneinander – manchmal könnte man den Glauben an die Menschen verlieren.

Um das Gute zu sehen, das es zweifelsfrei überall gibt, muss man in der Regel genauer hinsehen.

Dass wir in der besten aller möglichen Zeiten seit Menschengedenken leben, ist nicht immer offensichtlich.

Und dennoch haben wir alles, was es braucht oder bräuchte, um unser Umfeld wunderschön und noch lebenswerter zu machen. Drei Dinge, von denen Nummer 1 das wichtigste ist.

  1. Arbeitskraft – nur die allerwenigsten Menschen stehen noch in wirklich produzierenden Arbeitsverhältnissen – Maschinen machen den Großteil unserer Arbeit, die durchschnittliche Fernsehdauer am Tag liegt Statistiken zufolge bei fast vier Stunden, Wir haben alles was es braucht, mehr Zeit als je zuvor, wir arbeiten nicht mehr wie vor noch 100 Jahren zwölf, ja 16 Stunden auf dem Feld oder in der Fabrik. Fast zehn Millionen von uns gehen ins Fitnessstudio. Dort werden mittlerweile mehr Kalorien verbrannt als bei den wenigen, die noch körperlich arbeiten.
  2. Technologie – wir haben die besten Technologien aller Zeiten, machen Strom aus Wind und Sonne, können Autos mit diesem Strom fahren lassen. Unsere iPhones haben jetzt schon mehr Rechenleistung als der NASA Mars-Roboter noch vor wenigen Jahren.
  3. Geld – in Summe ist so viel schon da, dass die Banken es von uns gar nicht mehr haben wollen und nur kleine, keine oder Negativzinsen zahlen. Nur noch 15 Prozent des Geldes werden für Realinvestitionen eingesetzt, der Rest wird in bereits Bestehendem angelegt.

Das waren die guten Voraussetzungen, die wir heute haben.

Auf der anderen Seite haben wir einen riesigen Bedarf, unser Umfeld zu gestalten – als kleines Beispiel aus unserer unmittelbaren Umgebung, aus dem Tal nenne ich die Jakobstreppe, die längste, durchgehende gerade Treppe im Tal, seit Jahren gesperrt. 155 Stufen, deren Sanierung mit über 600.000 Euro veranschlagt ist, fast 4.000 Euro pro Treppenstufe, das monatliche Durchschnittseinkommen eines Vollzeitarbeitnehmers in Deutschland. Worauf in den letzten Tagen einmal dankenswerterweise in der WZ hingewiesen wurde. 4.000 Euro für eine Treppenstufe, für jede Treppenstufe dort… Aus Gesprächen mit vielen von Ihnen weiß ich, dass Sie das Unverständnis über derart hohe Kosten teilen.

Im Wesentlichen braucht es Arbeit, jemanden, der vor Ort die Stufe aufnimmt, gegebenenfalls neu mit etwas Zement unterfüttert und die nebenstehende Stützmauer neu verfugt. Die Arbeitskraft ist – wie gesagt in unserer Gesellschaft als Ganzes – mehr als vorhanden.

Die verfügbare Arbeitskraft braucht Fokus, ein gemeinsames Ziel, im öffentlichen wir privaten Bereich.

Es fehlt schon heute auch gar nicht an Menschen, die sich engagieren wollen:

Allein in Deutschland sind es 13 Millionen Menschen, in Sportvereinen, Bürgerinitiativen, einer sozialen Organisation oder ähnlichem. Häufig im direkten Dienst am Menschen, mit alten oder kranken Menschen, allgemein benachteiligten Menschen bei der Tafel etc. Das ist aufopfernd, über Jahre hinweg, unsichtbar für die Mehrheit. In sozialen Berufen für kleines Geld. Das ist bei der Bezahlung schon häufig nah am Ehrenamt.

Wir in der WUPPERTALBEWEGUNG e.V. haben uns gefragt, ob es denn wohl möglich sei, viele Menschen auf ein gemeinsames Ziel hin auszurichten, 100 Prozent ehrenamtlich, und damit den Beweis anzutreten, dass doch ›etwas geht‹, auch in schwierigen Zeiten.

Auch wir haben damit geleistet und leisten noch einen Dienst am Menschen, aber eher indirekt. Wir steigern mit der Trasse Lebensqualität und Lebensfreude für Menschen, völlig unabhängig von Herkunft, Hautfarbe, Alter, Einkommen etc.

Bei der Trasse ist es gelungen, die aus dem Wunsch, sich zu engagieren, resultierenden Kräfte zu bündeln, ihnen eine Richtung zu geben. Das ist für mich faszinierend zu sehen. Wir haben im Hier und Jetzt gemeinsam angepackt. Menschen, die vorher gar nichts miteinander zu tun hatten. Wir sind über ein gemeinsames Ziel zusammen gekommen.

Über Jahre hat uns zusammen gehalten, uns geeint eine Idee, die keinem Einzelnen etwas bringt, aber in der Summe ganz vielen Menschen eine Freude macht. Eine gute Tat für alle von einer tollen Gruppe.

Eine Trasse und eine Idee für die Nachwelt

Vor wenigen Wochen habe ich einen Vortrag gehört, in dem der Vortragende, ein amerikanischer Professor fragte: Kennen Sie die Vor- und Nachnamen Ihrer vier Großeltern? Das möchte ich Sie auch fragen und bitten ein kurzes Handzeichen zu geben. Der acht Urgroßeltern?

Fazit: In nur zwei Generationen wird der Großteil von uns von seinen Nachfahren vergessen sein. Wir leben im Hier und Jetzt, das wir gemeinsam gestalten und zur Besten aller Zeiten machen können. Was bleiben kann und wird, ist das was wir nutzbares, Anfassbares schaffen oder erhalten.

Wenn über Generationen die Nordbahntrasse als ein Werk »von Bürgern für Bürger« in das kollektive Gedächtnis eingeht, dann ist unsere Arbeit nicht vergessen und wird hoffentlich über lange Zeit noch zeigen, ›was geht‹. Und damit stehen wir in Wuppertal ja in einer schönen Tradition, etwa der Barmer Bürger von vor 150 Jahren.

Angesichts der raschen industriellen Entwicklung und der fortlaufenden Erschließung neuer Wohn- und Gewerbegebiete hier auf den umliegenden Höhen im Wuppertal Mitte des 19. Jahrhunderts schloss sich ein Kreis vorausschauender Barmer Bürger, hauptsächlich aus den Reihen der Barmer Fabrikanten und Kaufleute, zusammen, um entsprechende Gebiete als Naherholungsgebiete am Rand des Barmer Walds zu sichern, ein Gebiet, das wir heute als die Barmer Anlagen kennen. Beim Gedanken daran, dass die Barmer Anlagen durch eine Initiative von Bürgern errichtet wurden, überkommt mich ein ganz wohliges Gefühl.

Wenn wir mit der Nordbahntrasse also Mut machen, in ein gemeinsames Ziel Zeit zu investieren, dann haben sich alle Arbeit und aller Einsatz mehr als gelohnt.

Die Trasse ist der Beweis, was geht, wenn viele wollen.

Bitte gestatten Sie mir, dass ich nun zum Dank komme.

Die heutige Auszeichnung nehmen wir dankbar für das Gemeinschaftswerk an, nicht für die Qualität des Radweges an sich. Wir konnten hier zeigen, was geht, wenn gemeinsam angepackt wird, leere Kassen hin oder her.

Als ich nach der Bekanntgabe der Verleihung des Ringes gefragt worden bin, was ich dazu sage, war meine spontane Reaktion: »Dieser Ring gehört an viele Hände«.

Also wer ist es, an dessen Hand der Ring gehört? Die knapp 90-jährige Dame, die bei der ersten Brückenentholzung am Steinweg-Viadukt vor bald zehn Jahren teilgenommen hat? Ich wünsche ihr, dass sie bald ihren Hundertsten feiern kann, und das, was sie damals vor zehn Jahren mit angeschoben hat, selber noch genießen kann. Die Kinder, die mittlerweile erwachsen geworden sind? An die Hand des Sponsors, der mit Geld unterstützt hat, an die Hand eines Mitstreiters, der viele Jahre ehrenamtlich in die Baubegleitung investiert hat, an die Hand derjenigen, die links und rechts der Trasse Blumen pflanzen, um die Mitmenschen zu erfreuen?

Wir haben im kleinen Kreise überlegt, wem wir hier und heute danken sollten. Sind dann zu dem Schluss gekommen, dass es schier unmöglich ist, dies so zu tun, dass wir alle, die es verdient hätten, angemessen berücksichtigen. Erstens würde es zu lange dauern, und dann wären immer noch viele nicht erwähnt.

Sponsoren wird mit einem Sponsorentisch auf dem Uellendahler Viadukt gedankt werden, viele Spender werden noch in diesem Sommer ihre Namen auf Plaketten an der Trasse finden, Bankspender werden vor Ort genannt, auf Trassenpaten weisen bereits jetzt Schilder hin.

Vielen unbekannten Pflasterlegern werden wir nie in irgendeiner Art und Weise danken können.

Die vielen guten Geister, die sich für die Trasse eingesetzt haben und es weiter tun, geben ihr ihren Charakter, ein Werk »von Bürgern für Bürger«, von denen wir die meisten nicht namentlich kennen.

Im Raum sind viele, die sich an den verschiedensten Stellen verdient gemacht haben (Arbeit, finanzielle Unterstützung etc.) Jeder von Ihnen, der hier ist, hätte individuellen Dank verdient.

Daneben hatten und haben wir unzählige Helfer, viele sind uns bekannt, viele mehr aber sind uns unbekannt. Allen möchten wir danken, denen die hier sind, denen die heute nicht hier sind und denen, die nicht mehr unter uns sind.

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Unser Werk ist nicht abgeschlossen, heute ist nicht das Ende, wir möchten weitermachen. Wir wissen, dass es viele gibt, die weitermachen wollen.

Vor wenigen Wochen haben wir eine Förderskizze für die Verlängerung der Trasse vom Wichlinghauser Bahnhof nach Langerfeld beim Bundesumweltministerium in Berlin eingereicht. Viele Politiker im Tal unterstützen die Idee und unsere Abgeordneten im Bundestag haben sich in dieser Woche geschlossen für die knapp zwei Kilometer lange Verlängerung ausgesprochen. Das ist unser nächstes Ziel.

Denn wir sehen die heutige Auszeichnung als Ehrung und Verpflichtung zugleich.

Ich danke Ihnen herzlich für Ihre Unterstützung in den letzten Jahren und Ihre Aufmerksamkeit heute und freue mich, wenn wir in diesem Kreis und aus diesem Kreis heraus weiter etwas bewegen können.

Vielen Dank!

Foto: Rolf Dellenbusch

von Mario Schroeder